Haka-Interview

Haka oder
eine Haltungsübung oder
Tanze die Amazone und den Krieger in Dir

Im Gespräch mit Fabian Strumpf, Heilpraktiker und Haka-Coach

Erzähl doch mal, was ist Haka?
Zu allererst ist Haka ein ritueller Tanz und Gesang der Maoris, der neuseeländischen Ureinwohner, auch ganz einfach übersetzt mit „Tanz mit Gesang“.
Gleichzeitig ist es aber auch die traditionelle Weise, auf „maori“ Geschichten zu erzählen, viele mythologische Hintergründe dieses Volkes werden so erzählt.
Zum Beispiel ist es Tradition, wenn sich die Sippe, die Familie im Langhaus trifft, dass die Männer und Frauen einzeln hervortreten und sich erst einmal vorstellen, in dem sie Haka tanzen und dazu die Namen Ihrer Ahnen singen, die ganze Reihe bis zum ersten Waka, dem ersten Kanu der ersten Maoris, die auf Neuseeland landeten. Beim Haka verbinden sich die Maoris mit ihren Vorfahren, deren Kraft, deren Schutz, deren Rückhalt.

Hat dieser Hintergrund damit zu tun, wieso Du Haka unterrichtest und therapeutisch einsetzt?
2007 hat mich mein Lehrer Andreas Krüger mit seiner Faszination für die Maoris und den Haka angesteckt.
Im Sommer hatte ich das große Glück, auf dem Konzert einer Maori-Band namens Moana, mit deren Tänzer zu sprechen, ein traditioneller Maori, der den Gesang und die Musik mit seinen beeindruckenden Tänzen begleitete.
Ich unterhielt mich mit ihm, erzählte ihm begeistert von der Samuel-Hahnemann-Schule und der Art der Heilkunde, die dort gelebt und unterrichtet wird, und dass es dort viel um die Familie, das System und die Ordnung geht.
Und was mich wirklich verblüffte, als der Maori mir erzählte, dass der Haka genau zu diesen Zwecken getanzt wird: Es geht um die Bewusstheit der eigenen Kraft, die Zugehörigkeit zur Familie, die Kraft die jeden von uns trägt, von dort aus, wenn wir uns entscheiden, diesen Weg zu gehen.

Das hört sich ja wirklich gut an, aber ich kann mir vorstellen, wenn man zum ersten Mal Haka sieht, kommt es einem eher bedrohlich und aggressiv vor. Gerade bei Westlern ist das ja eher verpönt…
Diese Haltung kann ich gut nachvollziehen. Auch ich komme aus einer Haltung, die Aggression eher schlecht heißt, anstatt sie als das anzusehen, was sie im Grunde ist. Der Wortstamm kommt aus dem lateinischen „aggredere“ und bedeutet so viel wie herangehen, auf etwas zu gehen.

Aber auf so eine fast martialische Art und Weise?
Im ersten Augenblick mag es so aussehen, aber ich erinnere daran, dass wir uns immer entscheiden, was wir daraus machen, was unser Geist, vermutlich unser Kleines Ich, dieser Aggression für einen Anstrich gibt.
Natürlich ist der Haka etwas kriegerisches, ganz logisch, er kommt ja auch aus einer Tradition, die Kriegern dazu diente, ihre Fehden beizulegen. Irgendwann entschlossen sich die polynesischen Stämme dazu, ihre Kriege auf diese Weise auszutragen, um sich nicht unnötig zu dezimieren. Man stelle sich also 50-100 dieser großen Maori-Warrior vor, wie sie gegeneinander Haka tanzen, was für ein Schauspiel!
Ich habe so etwas Ähnliches schon einmal erlebt: 23 Männer in voller Kraft stehen sich gegenseitig gegenüber. Da kriege ich Gänsehaut.

Also geht es beim Haka keineswegs um Kampf und Töten?
Nein, nicht wirklich. Man benutzt den Haka, wenn Man(n) oder Frau ihn übt und tanzt, um in eine bestimmte Haltung zu kommen.
Therapeutisch ist Haka eine Haltungsübung, es gibt ja viele Haltungsübungen. Yoga, Meditation etc. Haka macht dies ganze körperlich spürbar und das ist das Wichtige dabei.
Wenn wir uns an diesen Archetypen des Kriegers und der Kriegerin in uns erinnern wollen, ist es nötig, das Zellgedächtnis zu aktivieren, die Rückerinnerung an unsere kollektiven Kreise. Natürlich haben wir auch vermeintlich „negative“ Zellinformationen in uns, die dann auch reaktiviert werden können.
Haka hilft, ungelebte Wut, Hass und auch Trauer wieder sichtbar zu machen. Wenn wir im Alltag daran scheitern diese Aggression adäquat auszudrücken, kommt sie oft als ungelenkte Wut zum Vorschein. Sie will gelebt werden, aber natürlich brauchen wir dafür einen sicheren Raum und eine Art Methode um zu lernen damit umzugehen. Haka macht aus Männern und Frauen friedvolle Krieger, die – und auch das ist wichtig, wenn nötig für sich und die Ihren einstehen.
Wir machen uns ganz zum Krieger, um Standfestigkeit, Ich-Stärke, Wurzeln, Bodenhaftung, Kraft und Rückhalt wieder zu erlangen.
Dies sind überaus wichtige Qualitäten, um unsere Ziele zu erreichen, das zu kriegen was wir wollen. Und darum geht es beim Krieger, der das bekommt, was er braucht und will.

Du hast vorhin auch Frauen erwähnt?
Für Frauen gilt genau das Gleiche, gerade in der Weiblichkeit haben wir in den letzten Jahrhunderten die Beschneidung der wilden Frau erlebt. So wie Frauen Angst vor wütenden, damit gleichzeitig ängstlichen Männern haben, können viele Männer schlecht mit der wilden, furiosen, kraftvollen Frau umgehen.
Auch Frauen müssen wieder lernen, für sich einzustehen. Die Aggression, die ihre innere Amazone als Kraft zur Verfügung stellt, zu entdecken, zu lenken und am richtigen Platz einzusetzen.
Dazu kommt, und das habe ich bei den Frauen erlebt, die ich im Haka unterrichtet habe, geht es bei ihnen oft um das Thema der eigenen Grenzen. Diese spüren (dürfen) und im Außen, auch dem geliebten Partner gegenüber, zu setzen.
Meine Supervisorin sagte einmal zu mir: „Ein Ja zu mir, ist immer auch ein Nein zum Anderen.“ Im Kontakt mit dem Gegenüber ist dies so, und wenn es anerkannt wird, kann es oft als sehr heilsam erlebt werden.

Und was war Dein aussergewöhnlichste Erlebnis mit Haka?
Oh, da gibt es einige, aber vom ersten wirklich bemerkenswerten Erlebnis möchte ich hier an dieser Stelle berichten. Ich hatte mein Üben mit Haka im Sommer 2007 begonnen, dem 1. Jahr meiner Heilpraktiker-Ausbildung.
Im Dezember hatten wir an einem Freitagnachmittag Unterricht, es war schon dunkel draußen und ich merkte, wie ich wenig Lust hatte drinnen zu hocken. Ich verließ mit meiner Freundin die letzte Stunde des Unterrichts, und wir gingen auf einen Spielplatz nahe der Schule.
Ich hatte vor, ihr das zu zeigen, was ich so gelernt und geübt hatte. Ich tanzte diesen Haka für sie und bei dem zweiten Haka passierte etwas, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Mittendrin war ich mir plötzlich schlagartig bewusst, dass ich frei bin, total frei. Dieses Gefühl dauerte ca. 5-10 min. und ich hatte noch einige Stunden danach diesen Geschmack von totaler Freiheit.
Gleichzeitig wusste ich, wie sehr ich mit allem um mich herum verbunden bin, UND es machte mir keine Angst.

Ich danke Dir für dieses ausführliche Gespräch.

Das Interview führte Peter Seitz.